CfP | movements 5 (1) | Mobilitäten_Regime: Umkämpfte Politiken der Klassifikation

Call for Papers (25.4.18) für eine Gastausgabe von Movements, herausgegeben von Regina Römhild, Johanna Rolshoven & Labor Migration Berlin & dgv Kommission Mobilitäten_Regime.

Angesichts sich überschneidender, uneindeutiger Bewegungspraxen sind die konstruierten Grenzen zwischen Mobilität und Immobilität, wie auch zwischen einzelnen Kategorien von Mobilität, etwa des Reisens, der Flucht und Migration längst in Bewegung: fixe Unterscheidungen zwischen Tourist*innen, ir/regulären Reisenden, Migrant*innen, Expatriates, Geflüchteten, Einheimischen, Ansässigen lassen sich nicht (mehr) ohne weiteres treffen.

Der Abgleich mit einer derart „unordentlichen“ Wirklichkeit stellt die damit befassten kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschungsdomänen vor die Aufgabe, ihre eigenen Ordnungen, Definitionen und Klassifikationen, ihre Forschungsdesigns, Feldzuschnitte und Subjektkategorien zu überdenken. Darüber hinaus fordert aber auch die politische Instrumentalisierung wissenschaftlich legitimierter Ordnungskategorien eine selbstkritische Revision von Wissensproduktion heraus.

Dabei lassen sich die Unterscheidungen zwischen Migration, Tourismus oder Berufsmobilitäten nicht einfach auflösen, wie es prominent der Begriff der Mobilitäten suggeriert: Sie bleiben im komplexen und widersprüchlichen Zusammenspiel grenzpolitischer, staatlicher wie gesellschaftlicher Diskurse und Praktiken wirksam – als einhegend, abgrenzend und hierarchisierend. Als Tourist*in wahrgenommen und behandelt zu werden oder als Geflüchtete, als Expatriate, Migrant*in oder Einheimische*r impliziert und erzeugt unterschiedliche soziale und politische Subjektpositionen, Rechte und Lebenschancen. Ebenso wird auch innerhalb dieser Kategorien unterschieden: nach Geschlecht und Herkünften etwa, die, sofern sie mit dem mediterranen oder globalen Süden, dem postsozialistischen oder globalen Osten assoziiert werden, in allen Subjektkategorien besonders markiert und meist als problematischer wahrgenommen werden als solche, die einem europäischen und globalen Norden/Westen zugeordnet werden. Dabei kommt es zu wirkmächtigen Klassifizierungsverschiebungen, indem etwa die klassische »Migrantin« in der hegemonialen Figur der Muslima vereinnahmt wird oder die Tourist*in von ihrer Rolle als Identifikationsfigur der westlichen Moderne zum Feindbild im urbanen Gentrifizierungsdiskurs mutiert. Statt einer Einebnung der Grenzen zwischen »Mobilen« und »Ansässigen« formiert sich ein immer differenzierteres nationalstaatliches und EUeuropäisiertes Klassifikationsregime, das grundlegende Unterscheidungen gesellschaftlicher Subjekte (und ihrer Rechte) vornimmt.

Zugleich weisen Moblitätspraktiken die Ordnungsversuche grenzpolitischer Mobilitätsregime permanent zurück und bringen sie in Unordnung. Beides – Mobilitätsregime und widerständige Praktiken – stehen in einem andauernden Spannungsverhältnis zueinander. Dieses zeigt sich etwa in den laufenden Auseinandersetzungen um eine postmigrantische Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen »Inländern« und »Ausländern« in Auflösung begriffen sind und ihre politische Aufrechterhaltung immer häufiger zum Gegenstand von Kämpfen wird. Mobilitätskategorien werden aber auch, zumindest temporär und situativ von den damit Benannten (identitäts)politisch genutzt, woraus sich ein weiteres Spannungsverhältnis zwischen der (grenz)politischen Intention und der widerständigen Aneignung solcher Kategorisierungen eröffnet.

Mit diesem CfP für eine Gastausgabe von movements laden wir zur Fortführung einer Debatte ein, die mit einer gemeinsam durch die dgv-Kommission Mobilitäten_Regime und das Labor Migration in Berlin veranstalteten Tagung „Migration_Mobilität_Gesellschaft. Umkämpfte Politiken der Klassifikation“ angeregt wurde. Ziel ist es, den vielfach geforderten, aber auch ausführlich kritisierten Mobility Turn neu zu denken, indem wir ihn mit Ansätzen einer kritischen Migrations- und Grenzregimeforschung konfrontieren und überarbeiten. In den Mittelpunkt der Forschung rückt dann die Frage, ob und wie die klassifizierenden, grenzpolitischen Markierungen zum Gegenstand kultureller, sozialer und politischer Kämpfe werden: zwischen »Mehrheiten« und »Minderheiten«, um den Erhalt oder die Teilung von Privilegien, um Partizipation und Anerkennung, um die Trans/Nationalisierung, die Trans/Europäisierung, die Kosmopolitisierung von Gesellschaft.

Wir wünschen uns Beiträge u.a. zu diesen Themenbereichen:

  • Genealogien von Subjektkategorien im Feld der Mobilitäten und ihre Bedeutung als epistemische Politiken: Migrant*in, Tourist*in, Reisende, Forschende, Geflüchtete, Muslime*a etc.;

  • Wissenschaftliche Beiträge und Kritiken zur Konstruktion im/mobiler Subjekte und ihren Folgen;

  • Nationalstaatliche Politiken und Konstruktionen der Sondierung, Klassifizierung, Essenzialisierung, Moralisierung;

  • Zivilgesellschaftliche Initiativen und Gegenbewegungen in diesem Feld, Nutzung, Aneignung, Appropriation und dadurch entstehende Veruneindeutigungen;

  • Genderkritische Untersuchungen zu Praxen und Repräsentationen „legitimer“ und „illegitimer“ Mobilitäten;

  • Aktualisierungen, Verschiebungen und Mobilisierungen kategorialer Un/Ordnungen in unterschiedlichen trans/nationalen Szenarien;

  • Dispositive innerhalb der Regime: Rechtsordnungen und -praktiken, hegemoniale Funktion karitativer Einrichtungen und NGO’s;

Einreichung und Abstracts

Wir freuen uns über die Zusendung von Abstracts im Umfang von maximal 500 Wörtern bis einschließlich 15. Juni 2018, die sich auf alle in movements verwendeten Formate beziehen können: Wissenschaftliche Aufsätze, Debattenbeiträge, Interventionen, Interviews, Forschungsberichte, Rezensionen, usw. Bitte geben Sie an, für welchen Bereich Ihre Einreichung vorgesehen ist. Die fertigen Beiträge sollen je nach Format einen Umfang von 50.000 Zeichen (wissenschaftliche Aufsätze), 30.000 Zeichen (Forschungswerkstatt) und von 20.0000 Zeichen (Interventionen) nicht überschreiten (inkl. Leerzeichen). Beiträge können auf Deutsch oder Englisch verfasst sein (weitere Sprachen auf Anfrage). Deadline für die vollständigen Beiträge wird der 30. September 2018 sein.

Alle Einreichungen durchlaufen vor der Publikation das kollaborative redaktionsinterne Review-Verfahren. Wissenschaftliche Aufsätze werden zudem von mindestens zwei Expert*innen anonym begutachtet. In jedem Fall diskutiert die Redaktion in einem transparenten Prozess Kommentare und Überarbeitungsvorschläge mit den Autor*innen und entscheidet eigenständig über die Annahme oder Ablehnung.

Erscheinungstermin der Ausgabe ist voraussichtlich April 2019.

Kontakt und Zusendung der Abstracts: johanna.rolshoven@uni-graz.at

Weitere Informationen zur Zeitschrift und zum Review-Prozess: http://movements-journal.org