Introducing movements

Das Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung

Redaktion movements

Die Migrationsforschung ist im letzten Jahrzehnt zu einem florierenden Teilbereich der Kultur- und Sozialwissenschaften geworden und heute aus Forschung und Lehre nicht mehr wegzudenken. Kaum eine Disziplin, in der es keinen entsprechenden Arbeitskreis gibt, kaum ein Institut an dem keine Forschungsprojekte mit Bezug zu Migration existieren, dazu regelmäßig zahlreiche Konferenzen, Workshops, Publikationsreihen, Themenhefte und Aufsätze. Zudem wird von staatlichen Stellen in großem Stil anwendungsorientiertes und von Politik und Verwaltung verwertbares Wissen über Migrations- und vor allem über Integrationsprozesse nachgefragt. Trotz dieses Booms sind thematisch einschlägige deutschsprachige Journals bislang jedoch überraschend rar gesät — und noch seltener sind (Publikations-)Orte, in denen kritisch über die Wissensproduktion der Migrationsforschung selbst reflektiert wird. Wenn wir mit dieser ersten Ausgabe von movements nun eine wissenschaftliche Zeitschrift vorstellen, die sich interdisziplinär den Bewegungen der Migration sowie den Versuchen diese zu kontrollieren und zu regulieren widmet, dann verfolgen wir damit das Ziel, eine Migrations- und Grenzregimeforschung voranzutreiben, die selbstreflexiv und machtkritisch in das Wissensfeld der Migration interveniert. Die Zeitschrift movements strebt in diesem Sinne an, kritische Gesellschaftsforschung zu fördern, die sowohl ein adäquates Verständnis der komplexen, heterogenen und machtförmigen Realitäten der Migration entwickelt als auch eine fundierte Kritik an den gegenwärtigen Formen der Regierung der Migration artikuliert.

Der Name des Journals ist dabei in dreifacher Hinsicht Programm: Erstens nimmt movements die Bewegungen der Migration selbst in den Blick, die sich im Wechselspiel von Autonomie und Kontrolle immer wieder unerwartet den vorgesehenen Korridoren und Bahnen entziehen. Zweitens thematisiert movements Migration aber auch als soziale Bewegung, denn Grenzüberschreitungen sind immer auch Teil der Kämpfe um politische, ökonomische und rechtliche Teilhabe und fordern die nationalstaatliche Ordnung der Welt ebenso heraus wie die kapitalistische Verwertung migrantischer Arbeitskraft. Drittens versucht movements schließlich, Bewegung in die kultur- und sozialwissenschaftliche Migrationsforschung zu bringen, die viel zu lange die Migrantinnen und Migranten selbst als Problem erforscht hat, anstatt nach den politischen, ökonomischen und rechtlichen Bedingungen zu fragen, die Migration und Grenzen als gesellschaftliche Phänomene überhaupt erst hervorbringen.

Wir sind der festen Überzeugung, dass gerade in diesem umkämpften Terrain ein dauerhaftes Forum für kritische Wissensproduktionen überfällig ist, in dem theoretische und politische Debatten geführt, Forschungsergebnisse vorgestellt und alternative Perspektiven jenseits anwendungsorientierter, staatsaffirmativer, ethnisierender oder integrationistischer Konzepte entwickelt werden können. movements ist offen für ein breites Spektrum unterschiedlicher Theorien, Konzepte, methodischer Herangehensweisen und textueller Praktiken, denen jedoch gemeinsam ist, dass sie sich dezidiert gegen die Disziplinen übergreifende Tradition der Objektivierung, Naturalisierung und Problematisierung von Migration auf Grundlage von Ethnizismus, Rassismus oder methodologischem Nationalismus wenden. In diesem Sinne bietet movements eine Plattform für akademische, künstlerische und aktivistische Formen reflexiver Wissensproduktion, die sich der Faktizität der Migration als grundlegender Kraft jeder Vergesellschaftung bewusst ist und in einem solidarischen Verhältnis zu den Kämpfen der Migration steht.

movements kann an zahlreiche Projekte und Initiativen anknüpfen, die in der letzten Dekade eine kritische Wissensproduktion im Bereich der Migrationsforschung entwickelt haben. Die inhaltliche Ausrichtung und Schwerpunktsetzung des Journals ist eng mit derjenigen des Netzwerks für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung (kritnet) verbunden und bietet der dort versammelten Expertise aus Wissenschaft, Aktivismus und Kulturproduktion ein neues Forum. movements kann zudem aufbauen auf die Publikationen (Hess/Kasparek 2010; Heimeshoff et al. 2013) und Interventionen (kritnet 2010; 2011; 2013; 2015) des Netzwerks sowie auf die dort etablierten Strukturen kollektiver Wissensproduktion und den Erfahrungen regelmäßiger Tagungen.1 Das Netzwerk ist im Jahr 2008 aus der Notwendigkeit gegründet worden, einer kritischen Wissensproduktion zu Migration und Grenzregimen auch im Rahmen der Universitäten Ausdruck zu verleihen und auch dort macht-, staats- und ökonomiekritische Positionen sowie nicht-ethnisierende und post-integrationistische Perspektiven auszuformulieren.

Die Notwendigkeit zur Gründung dieses Netzwerks — und ebenso nun zur Gründung der Zeitschrift movements — lag in den Eigenheiten des Wissen(schaft)sfeldes der Migration selbst begründet. Denn die politischen Dimensionen des methodologischen Nationalismus und des ordnenden und verwertenden Interesses der modernen, kapitalistisch verfassten Nationalstaaten sind wohl nirgendwo so greifbar geworden, wie in den Konjunkturen der Migrationsforschung. Von der ‚Gastarbeiterforschung‘ über die ‚Ausländerforschung‘ bis zum Integrationsparadigma lieferte der Mainstream der Forschung gelehrig die Kategorien, mit denen Gesellschaft und Kultur als nationale Container gedacht, naturalisiert und verwaltet werden konnten. Gleichzeitig brachte er konstant die ‚Anderen‘ hervor, die so den differentiellen und hierarchisierenden Verfahren der Entrechtung und Überausbeutung unterworfen werden konnten. Mit Verzögerungen setzte sich jedoch in den letzten Jahren auch im deutschsprachigen Raum der trans- bzw. post-nationale state of the art der internationalen Migrationsforschung durch. Dabei haben einschlägige Konzepte und methodologische Zugänge wie Hybridität, Kosmopolitismus, Transnationalismus, Transkulturalismus oder Diversität dazu beigetragen, dass sich heute selbst in etablierten Feldern der Ethnisierung wie der Integrations- oder Segregationsforschung der Blick für andere Kategorien öffnet.

Diese Entwicklung gilt es zu stärken, aber vor allem gilt es sie weiterzudenken. Potential dazu haben Arbeiten, die sich aus macht-, staats- und ökonomiekritischen Perspektiven mit Migrations- und Grenzregimen beschäftigen und dabei Fragen von Citizenship, Gender und Intersektionalitäten, Postkolonialismus, Klassen- und Herrschaftsverhältnissen, Rassismus, Post-Migration oder Critical Whiteness verhandeln. Was diese Perspektiven eint, ist zum einen die Untersuchung von Ungleichheit und Aus-/Einschlüssen als sozioökonomische, kulturelle oder politische Herstellungsleistungen und als Gegenstand der Kämpfe politischer und sozialer Bewegungen. Des Weiteren eint sie eine selbstreflexive Herangehensweise, die die Rolle der Wissenschaft im Spiel der Diskurse, die ‚Migration‘ als Objekt des Regierens (re-)produzieren, kritisch hinterfragt. Und zu guter Letzt eint sie auch eine Perspektive auf die Handlungsmacht, das Begehren und die Überschüsse, die in den Bewegungen der Migration zum Ausdruck kommen, sowie auf die unzähligen Stimmen der Migration, die schon immer ihre Zurichtung und Unterwerfung herausgefordert haben. In diesem Sinne lädt movements dazu ein, Ansätze und Konzepte zu entwickeln, die die Perspektive der Migration ernstnehmen und sie zum zentralen Ausgangspunkt kritischer Forschung machen.

Eine wissenschaftlich avancierte Migrations- und Grenzregimeforschung kommt an diesen theoretischen Erkenntnissen und politischen Errungenschaften nicht mehr vorbei. So einig wir uns in dieser Grundausrichtung sind, so einig sind wir uns jedoch auch, dass über die Perspektiven und Methodologien, die dabei zum Einsatz kommen sollten, ebenso wie über die Art ihrer Verwendung gestritten werden muss — in der movements-Redaktion, im Netzwerk kritnet, aber auch in der gesamten interdisziplinären Migrationsforschung. Insofern verstehen wir movements als ein offenes Projekt, das an neuen Formen der Wissensproduktion mitarbeiten wird und zu kritischem Dialog und zur Beteiligung einlädt.

Dieses Ideal einer anderen Wissensproduktion macht es aber auch erforderlich, die herkömmlichen akademischen Publikations- und Distributionsformen zu hinterfragen. movements erscheint bewusst als open access Journal und sämtliche Texte sind unter der Creative Commons Lizenz BY-NC-ND frei zugänglich und abrufbar. Darüberhinaus stellen wir aber auch die Legitimation der ‚Qualitätssicherung‘ gegenwärtiger Publikationsmodelle in Frage. Wir wissen, dass die gängigen Review- und Ranking-Verfahren offensichtliche Fehlanreize und Schwächen haben, die gerade für qualitative Sozialforschung nicht automatisch zu einem Mehr an Qualität führen. Daher verwenden wir ein kollaboratives Review-Verfahren, bei dem jeder wissenschaftliche Aufsatz zwar von mindestens zwei Expert_innen (aus dem kritnet-Netzwerk und/oder extern) anonym begutachtet wird, sowohl vor als auch nach diesem blind review aber von der Redaktion in einem transparenten Prozess kommentiert und mit den Autor_innen diskutiert wird. Damit knüpfen wir an die positiven Erfahrungen kollektiver Wissensproduktion aus dem kritnet an und möchten sie im neoliberal individualisierten Publikations- und Qualifikationsbetrieb der Hochschulen stärken. Zudem glauben wir, dass es der wissenschaftlichen Qualität zuträglich ist, früher und ‚unfertig‘ aus dem Forschungsprozess zu berichten, um die Bedingungen der eigenen Wissensproduktion transparent zu machen. Zugänge, Empirie und Diskussionen im Erkenntnisprozess öffentlich zu machen, sollte gängige Praxis wissenschaftlichen Arbeitens sein, anstatt ihre Publikation als irrelevant abzuqualifizieren. Insofern umfasst movements neben der Rubrik für wissenschaftliche Aufsätze auch andere Bereiche, die Forschungsberichte, konzeptionelle und methodologische Reflektionen, Debatten und Interviews, Rezensionen, aber auch politische Interventionen beinhalten können.

Die einzelnen Ausgaben von movements werden wechselnde Schwerpunktthemen haben, denen sich jeweils ein großer Teil der Artikel widmet. Die Beiträge werden über Calls for Papers eingeworben oder von den Autor_innen auf Einladung verfasst. Für die Themenschwerpunkte ist jeweils ein Herausgeber_innen-Team verantwortlich, das nicht zwangsläufig Teil der movements-Redaktion oder des Netzwerks kritnet sein muss. Daher laden wir auch dazu ein, uns weitere Schwerpunktthemen vorzuschlagen. Die Organisation der weiteren Beiträge sowie das Endlektorat werden durch das ständige Redaktionskollektiv vorgenommen. Bis auf weiteres sind zwei Hefte pro Jahr vorgesehen — die kommenden Ausgaben werden sich den Themenfeldern Refugee Struggles (Arbeitstitel „un-/sichtbare politiken der migration“); EU-Bürgerschaft, ‚Armutsmigration‘ und Antiziganismus; Anti|Rassismus nach dem NSU sowie Wissensproduktion im Migrations- und Grenzregime widmen und jeweils mit einem Call for Papers angekündigt werden. Die Redaktion nimmt jedoch auch abseits der aktuellen Calls jederzeit Vorschläge für und Einreichungen von Beiträgen in allen Rubriken entgegen.

Die Redaktion movements im Mai 2015

Literatur

Heimeshoff, Lisa-Marie / Hess, Sabine / Kron, Stefanie / Schwenken, Helen / Trzeciak, Miriam (Hg.) (2014): Grenzregime II. Migration, Kontrolle, Wissen. Transnationale Perspektiven. Hamburg.

Hess, Sabine / Kasparek, Bernd (Hg.) (2010): Grenzregime. Diskurse, Praktiken, Institutionen in Europa. Hamburg.

kritnet (2010): Demokratie statt Integration. URL: http://demokratie-statt-integration.kritnet.org/ [25.5.2015].

kritnet (2011): Freiheit statt Frontex. URL: http://kritnet.org/2011/freiheit-statt-frontex [25.5.2015].

kritnet (2013): Solidarität statt Rassismus. URL: http://kritnet.org/2013/solidaritaet-statt-rassismus-kritnet-stellungnahme-veroeffentlicht [25.5.2015].

kritnet (2015): Bleiberecht statt Inhaftierung. URL: http://kritnet.org/2015/bleiberecht-statt-inhaftierung [25.5.2015].


  1. Nach Tagungen unter anderem in Berlin, Hamburg, Göttingen, Kassel, Frankfurt am Main, München und Wien fand die 11. Tagung des Netzwerks für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung mit über 200 Teilnehmenden Ende März 2015 in Zürich statt.

  • Jahrgang: 1
  • Ausgabe: 1
  • Jahr: 2015


Ilker Ataç, Thomas Böwing, Fabian Georgi, Sabine Hess, Juliane Karakayali, Serhat Karakayali, Bernd Kasparek, Stefanie Kron, Philipp Ratfisch, Lisa Riedner, Mathias Rodatz, Maria Schwertl, Helge Schwiertz, Simon Sontowski, Vassilis S. Tsianos