Wissen, (Selbst)Management, (Re)territorialisierung

Die drei Achsen des aktuellen Diskurses um Migration\&Entwicklung

Maria Schwertl

Abstract The aim of this article is to highlight the discursive lines that structure the current hype about migration&development. It is argued that there are three lines. Knowledge, management and reterritorialization and that the notion of development is strikingly mostly underdefined within the hype. The three discursive lines furthermore add up to one single effect — the notion of migration is further pushed into and reduced to an economic dimension.


„Migration and development will be factors which make sure that no part of the world is left out of the general increase in peace and prosperity. This means that those countries in the world that have so far been left behind by development- and economic process will have an opportunity through the movement of their people, through the participation in a globalized economy by the talent, the skills and hard work of their own people, to make up for the lack of resources, the late start, and the historical disadvantages that they suffer from. They can help themselves catching up with the rest of the world and participate in this era of growing peace and prosperity.“ Brunson McKinley, ehemaliger Generaldirektor der IOM (zitiert nach: IOM/Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen 2007; Herv. d. A.)

Obwohl der Zusammenhang zwischen Migration und Entwicklung und damit die Auswirkungen von Emigration auf die Entwicklung von Staaten und Regionen — vor allem die der so genannten ‚Entwicklungsländer‘ — bereits seit den 1930ern diskutiert werden (vgl. Geschiere 2009), hat der Migration&Entwicklungs-Nexus1 noch nie so viel Aufmerksamkeit erweckt und so viele Projekte hervorgebracht wie in der vergangenen Dekade. Seitdem die Weltbank das Thema ‚remittances‘ 2003 mit der Feststellung ‚entdeckt‘ hat (vgl. Kunz 2011), dass diese seit den 1990ern ungewöhnlich stark angestiegen sind — zwischen 1990 und 2007 von 31 auf 251 Milliarden US-Dollar (vgl. Weltbank 2009) — und Rücküberweisungen von Migrant_innen in ihre ‚Herkunftsländer‘ damit die offizielle Entwicklungshilfe um mehr als das Doppelte übersteigen (vgl. gtz 2004: 12), sind hunderte von Studien, Handreichungen und Expertisen zu der Thematik erschienen. Die veränderte Wahrnehmung des Nexus, wie sie sich zum Beispiel in Begriffen wie ‚Brain Gain‘ (vgl. Brinkerhoff 2008; Faist 2008; gtz 2003), ‚Diaspora Knowledge Network‘ (vgl. Meyer/Wattiaux 2006) oder ‚Social Remittances‘ (vgl. Knerr 2008) ausdrückt, ist so euphorisch, dass von einem veritablen Hype die Rede sein kann.

Als Hype lässt sich eine verstärkte Aufmerksamkeit und Euphorie für ein Phänomen verstehen (vgl. Duden 2012). Die Diagnose einer neuen Aufmerksamkeit für Migration&Entwicklung wurde in den letzten Jahren auch von anderen Autor_innen formuliert. Die Wirtschafts-, Sozial- und Politikwissenschaftlerin und Mitarbeiterin der Heinrich-Böll-Stiftung Olga Drossou etwa nutzt das Vorwort eines Dossiers der Stiftung zum Thema für folgende Feststellung: „Der Schnittpunkt von Migration und Entwicklung, der Migrations-Entwicklungs-Nexus, hat sich […] zu einem Politikfeld gewandelt, das von teils enthusiastischer Rhetorik geprägt ist“ (Heinrich-Böll-Stiftung 2008). Und die gtz schreibt: „Migration ist an die Spitze der entwicklungspolitischen Agenda gerückt. […] Das große Interesse am Nexus zwischen Migration und Entwicklung erstaunt insofern, da der Themenkomplex Migration vor wenigen Jahren nur ein Randthema in entwicklungspolitischen Diskursen darstellte“ (gtz 2010b: 7). Die Verwaltungswissenschaftlerin Jennifer Brinkerhoff formuliert zudem:

„This attention, alone, is a significant evolutionary development, since historically national governments mainly focused on the security risks posed by organized diasporas, and, along with the development community, emphasized the brain drain phenomenon of out-migration“ (Brinkerhoff 2008: 3).

Und auch die beiden Soziolog_innen Thomas Faist und Margit Fauser diagnostizieren eine Veränderung der Diskussionen:

„There is no single logic which structures this field. Yet we can see that states and organizations on various levels seize upon opportunities to engage in connecting international migration to development cooperation.“ (Faist/Fauser/Kivisto 2011:18)

Diagnosen wie diese stellen den Hype mit her. Sie stehen analytisch nicht außerhalb seiner Mechanismen. Dennoch verwende ich den Begriff ‚Hype‘ nicht mangels Alternativen, sondern gerade um die kurzfristige oder befristete, starke Aufmerksamkeit und Produktivität zum Thema Migration&Entwicklung zu bezeichnen und meinen eigenen Beitrag zu dieser nicht zu negieren. Zudem geht es mir darum, mit dem Begriff des Hypes auch gegenüber anderen Benennungsversuchen Position zu beziehen. Ich betrachte den Hype-Begriff als treffender als Begriffe wie das auf den Sprech abzielende ‚Mantra‘ (vgl. Hilber 2008) oder den linear-teleologisch wirkenden ‚Trend‘ (vgl. Kunz 2011). Ich erhebe also mit dem Begriff ‚Hype‘ nicht den Anspruch auf interpretativ-analytische Tiefe, sondern stelle mit ihm einen zeitlich umgrenzten Korpus her. Der Begriff ‚Hype‘ grenzt dabei Verhandlungen von Migration&Entwicklung in den letzten Jahren von jenen in früheren Dekaden ab.2

Der Duktus dieser jüngeren Diskurse um den Nexus suggeriert ebenso wie andere Stränge aus dem Migrationsmanagementdiskurs einen ‚Triple Win‘ für Herkunftsländer, Migrant_innen und Zielländer und scheint damit nicht nur den Forderungen des Südens, sondern auch denen der Migrant_innen nachzukommen. Vor allem internationale Organisationen und ihr quantitativ-ökonometrisches Regime prägen den aktuellen Diskurs um Migration&Entwicklung und treiben ihn voran:

„Dominant forms of knowledge about migration-development privilege certain sources of information and sites of knowledge-making so that […] organisations such as the IMF and World Bank become the purveyors and constituting spaces for normative notions of migration/development. Their own technical knowledges are accreted through calculative processes that are promulgated through states […], banks and so on. Bringing together these knowledges acts to position these organisations as active producers/agents of knowledge about the nexus but also constitutes their own legitimacy in shaping the language of development.“ (Raghuram 2007: 15)

Die aktuellen Debatten sind damit eher ‚politisch-ideologisch‘ als ‚empirisch-analytisch‘ geprägt und werden entsprechend „der Komplexität des Themas Migration im Entwicklungsprozess nicht gerecht“ (Geiger/Steinbrink 2012: 22). Zudem führt die Übermacht internationaler Organisationen zugleich zu einer Hegemonie des Nordens in den Diskursen. Sie zielen darauf ab, Potentiale von migrantischen Organisationen und Diasporen nutzbar zu machen beziehungsweise Migration zu ‚managen“ (vgl. hierzu auch: Pécoud 2010: 185). Folglich entstehen durch die neue migrationspolitische Logik ‚Entwicklung‘ zumeist keine neuen Rechte für Migrant_innen, sondern ausschließlich ökonomische (Positionierungs)Möglichkeiten. Die neue entwicklungspolitische Logik ‚Migration‘ öffnet ebenso wenig Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit für ein interkulturelles Mainstreaming oder baut Hierarchien gegenüber den so genannten Entwicklungsländern und Migrant_innen aus diesen ab. Vielmehr geht es derzeit meist darum, befristete Projekte durchzuführen und sich als Institution im neuen Migration&Entwicklungs-Feld zu positionieren (vgl. auch Baraulina/Hilbers/Kreienbrink 2012: 89). So schreibt etwa die Politikwissenschaftlerin Rahel Kunz:

„Analysing the activities within the institutional apparatus of the GRT [Global Remittances Trend] we can identify five key areas: monitoring, research, conferences, coalition-building and concrete projects.“ (2011: 44)

Der Hype wird damit also vor allem durch Projekte und Konferenzen, nicht durch Gesetze produktiv und gewinnt seine Eigenheit durch eben diese spezifische Macht- und Subjektivierungstechnologie, welche auch ganz im Sinne eines Conduct of Conducts (vgl. Foucault 2005) eine Entpolitisierung und Unterfinanzierung der Vorhaben mit sich bringt. Das ‚Neue‘, das durch den Hype hervorgebracht wird, liegt im Entstehen von Projekten, Praxen und Best Practice-Beispielen und (damit) von neuen Zeitlichkeiten und Räumlichkeiten. Aus einer solchen Perspektive heraus führt die Nutzbarmachung von Migration für Entwicklung nicht zu mehr Gleichheit und Vernetzung, wie es verschiedene rezente Migration&Entwicklungs-Projekte deklariert haben (vgl. Inwent 2011), sondern zu mehr Ungleichheit und Differenzen durch prekäre, projektbasierte, befristete Arbeitsformen und Ethiken. Schließlich transformiert sie weniger Entwicklungs- und Migrationspolitiken als dass sie transnationale Netzwerke und Solidaritäten von Migrant_innen in den entwicklungspolitischen und in den Projekt-Modus einfängt und damit neue Hierarchien zwischen Migrant_innen und Nicht-Migrant_innen sowie erhöhten Druck auf migrantische Vereine, die entwicklungspolitisch aktiv sind, aufbaut.

Der folgende Beitrag arbeitet vor diesem Hintergrund die Logiken und wiederkehrenden Elemente des so entstandenen und entstehenden aktuellen Diskurses um Migration&Entwicklung heraus. Er möchte damit das Zusammendenken von Migration und Entwicklung, das gerade so selbstverständlich wirkt, denaturalisieren und befremden. Die hierfür angefertigte Diskursanalyse nahm nahezu 150 Texte aus den Jahren 2003 bis 2012 in den Fokus und umfasste sowohl Konferenzdokumentationen, Studien, Handbücher, Best-Practice-Zusammenstellungen, EU-Dokumente und (populär)wissenschaftliche Studien. Dabei kommt dem deutschen Kontext, der eine eigene Dynamik aufweist, aufgrund der feldforschungsbasierten Analyse, die vor allem solche Texte zum Gegenstand nahm, die im Feld auftauchten,3 ein Übergewicht in den untersuchten Dokumenten zu. An die untersuchten Texte wurden folgende Fragen adressiert: Wann wird Migration thematisch bedeutsam? Welches Bild von Migration und Migrant_innen, das heißt auch: welche Subjektivierungen und möglichen Subjektpositionen für Migrant_innen entstehen hier? Wie wird Migration(&Entwicklung) im Text mit (Projekt-)Management verknüpft? Welches Bild von Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit entsteht im Text? Wie werden Migration und Entwicklung miteinander verknüpft?

Die Leerstelle ‚Entwicklung‘

Auffällig an den aktuellen Migration&Entwicklungs-Diskursen ist die Dethematisierung des Entwicklungsbegriffs. Während die meisten Publikationen des Korpus darum bemüht sind, an der einen oder anderen Stelle den Begriff ‚Diaspora‘ und ‚Migrant‘ beziehungsweise ‚Migration‘ oder ‚Migrantenorganisation‘ zu definieren — auch, um sie als neue Akteure der Entwicklungszusammenarbeit einzuführen — fehlen nahezu durchgehend Definitionen des zugrunde gelegten Entwicklungskonzepts. Dies mag daran liegen, dass viele der aktuellen Publikationen zum Thema von Entwicklungsagenturen in Auftrag gegeben worden sind. Folgt man der Geographin Parvati Raghuram, so hängt die Dethematisierung mit den konservativen Definitionen sowohl von Entwicklung wie auch von Migration zusammen, die sich in den aktuellen Diskursen durchsetzen und dazu führen, dass ein Verständnis von Entwicklung vorausgesetzt wird:

„Both migration and development are configured in familiar and preset ways so that particular forms of migration and certain kinds of development come to be hypervisible in this debate occluding other imaginaries of what might be contained within the interrelationships between migration and development.“ (Raghuram 2007: 3)

Thomas Faist stellt ebenso fest, dass die aktuellen Debatten vor allem veraltete, nationalstaatliche Entwicklungsvorstellungen wiederbelebten (vgl. Faist 2010: 86). Die drei Sine-Qua-Nons des Entwicklungsdiskurses, wie sie vor allem in Post-Development-Analysen herausgearbeitet wurden (vgl. Escobar 1995; Ferguson 1990; Ziai 2006), finden sich entsprechend auch im Hype auf die eine oder andere Weise wieder. Es sind: 1) Technokratie und Verwaltung statt Politik4 2) das Zielobjekt ‚Nation‘ und 3) die Verräumlichung der Unterschiede5.

Wie wird also angesichts solcher Genealogien ‚Entwicklung‘ innerhalb des Diskurses definiert? Drei Beispiele sollen dies veranschaulichen. Bemerkenswert ist, dass keine der folgenden Definitionen aus der Feder einer entwicklungspolitischen Institution stammt. Es könnte also gemutmaßt werden, dass nur migrationspolitische Akteure es nötig haben, ihren Entwicklungsbegriff zu explizieren. Die IOM definiert Entwicklung 2009 in ihrer Brochüre „IOM and Migration and Development“ wie folgt:

„Development, meanwhile, is a dynamic process implying growth, advancement, empowerment and progress, with the goal of increasing human capabilities, enlarging the scope of human choices, and creating a safe and secure environment where citizens can live with dignity and equality. In the development process, it is important that people’s productivity, creativity, and choices are broadened and that opportunities are created not only for the present generation, but also for future generations.“ (IOM 2009: 1; Herv. d. A.)

Und die Global Migration Group schreibt in ihrem Handbuch für Politiker_innen und Praktiker_innen „Mainstreaming Migration into Development Planning“ bezüglich des Begriffs:

„In this handbook development is defined as a process of improving the overall quality of life of a group of people, and in particular expanding the range of opportunities open to them. […] By focusing on quality of life and opportunities a ‘human development’ perspective is taken […]. Pursuing human development means pursuing all avenues to improve a person’s opportunities and freedoms — whether income or non-income related. This can include improvements to people’s lives such as expanded access to social services, reduced vulnerability to risk, or increased political participation. A human development approach also places a greater focus on protecting people’s human rights — political, social and economic. […] It examines how international migration is related to development on a number of different levels — the development of the migrants themselves, the development of their households, and the development of the communities and countries they leave and the communities and countries they join.“ (2010: 10f.; Herv. d. A.)

Und aus dem Umfeld des Global Forum on Migration and Development ist zu lesen:

„Integrating the so-called human development perspective into the forum offers an additional opportunity to discuss broader issues like health, education, training, gender issues and human rights that are closely intertwined with migration.“ (Withol de Wenden 2012: 83)

Statt Nationalstaaten und der Entwicklung von Ländern, stehen in allen drei Zitaten entgegen der oben getroffenen Diagnosen nun die ‚human development‘ und ‚human capabilities‘ im Fokus und es ist die Rede davon, dass Entwicklung darin bestehe, die (Wahl-)Möglichkeiten und Rechte von Menschen zu erhöhen.6 Nationalstaaten scheinen nur indirekt von Interesse. Kann also wirklich von einem Comeback traditioneller Entwicklungsvorstellungen die Rede sein? Auf den folgenden Seiten wird noch deutlich werden, dass hier Humankapital immer gleichzeitig biopolitisch als nationales Kapital verstanden wird und so Migration eindeutig an das Herkunftsland rückgebunden wird. Insofern ist zwar in den angeführten Zitaten nicht die Rede von der Entwicklung der Nation, sondern der Entwicklung des Einzelnen. Gerade dies verdeutlicht aber die neoliberale Wendung des Entwicklungsparadigmas, die schon seit den 1990ern auf die (trans)nationale Zivilgesellschaft als neue Kraft im Entwicklungsprozess setzt. Der Human Development Approach, der hier vertreten wird, steht für eine Individualisierung der entwicklungspolitischen Verantwortung, die im Kontext des Abbaus von öffentlicher Entwicklungshilfe und Sozialstaatlichkeit einen bitteren Beigeschmack bekommt. Darüber hinaus lassen die Zitate keineswegs Vorstellungen von Fortschritt und wirtschaftlicher Entwicklung oder das ‚not yet‘ des traditionellen Entwicklungsdiskurses fallen. Sie ergänzen sie lediglich um Erkenntnisse, die aus der Feder der New Economics of Migration (z.B. Stark 1991) stammen könnten, nämlich, dass man das Einkommensrisiko in Entwicklungsländern durch soziale Sicherheitsnetze und Wohlfahrtsstaatlichkeit minimieren muss, um Migration zu verhindern oder Remigration zu bewirken (diese beiden höheren Ziele durchziehen den Diskurs beständig, wie die folgende Analyse zeigen wird). Es ergänzt sie zudem um die in der Migrationsforschung mittlerweile zur Binsenweisheit verkommenen Erkenntnis, dass nicht nur der oder die Migrant_in im Migrations-(&Entwicklungs)-Prozess bedeutsam ist, sondern auch die sie umgebenden Haushalte, Communities und nationalen Kontexte. Selbst der Verweis auf die notwendige Stärkung der Menschenrechte liest sich im Spiegel anderer Diskursfragmente, welche betonen, dass Menschen im Kontext von rechtlicher Sicherheit und in demokratischen Kontexten entwicklungspolitisch produktiver sind, merkwürdig ökonomistisch. Alle zitierten Diskursfragmente fokussieren zwar auf die Wahlmöglichkeit und die menschliche Seite der Entwicklung, doch ist das Argument der Produktivitätssteigerung dabei zumeist nicht weit entfernt. Trotz dieser Refrains bestehen aber Unterschiede zwischen den drei Zitaten: die IOM betont sehr viel stärker als die GMG oder die GFMDs Schlagwörter wie ‚Produktivität‘ und ‚Humankapital‘.

Die drei Achsen des Hypes: Wissen, Management, Reterritorialisierung

„Migrant communities were making important contributions to the development of their home countries. Governments were strengthening ties with their citizens abroad and promoting the involvement of their migrants in the transfer of technology, know-how and capital. Promoting the return, whether permanent or temporary, of skilled emigrants could help fill skill gaps at home. Support for entrepreneurship and business creation in countries of origin could promote return.“ (UN General Assembly 2008: 2; Herv. d. A.)

Dieses Zitat aus dem Bericht des UN-Generalsekretärs zu Migration&Entwicklung enthält alle Elemente des Hypes: Der Bezug auf Migrant_innen-Communities, der Verweis auf die Entwicklung der Herkunftsnation — nicht der Zielländer oder der Herkunftsregionen oder -gemeinde oder anderer Nationen — die Zugehörigkeit zum Herkunftsland sowie die Wissens-, Kapital- und Technologietransfers, aber auch die Aufforderung zur Rückkehr und zum Unternehmertum. All diese Elemente ‚bevölkern‘ die drei Achsen des Hypes, die im Folgenden herausgearbeitet werden: Die Wissensachse, die Managementachse und die Reterritorialisierungsachse. Sie alle sind im Hype miteinander verwoben und werden an dieser Stelle nur zu analytischen Zwecken nebeneinander gestellt.

Das (Un)Wissen (von) der Diaspora

Eines der in den untersuchten Texten am prominentesten behandelten Themen ist das Wissen selbst, nämlich das fehlende Wissen (von) der Diaspora. Ein Umstand den es — so der Duktus — durch Wissensproduktion zu beheben gilt; denn ohne ‚Wissen‘ lässt sich die Diaspora nicht aktivieren. Nicht nur das fehlende Wissen von entwicklungs- und migrationspolitischen Institutionen über Diasporen wird jedoch thematisiert, sondern auch das Wissen der Diasporen selbst. Von besonderem Interesse ist deshalb das ‚Gehirn‘/‚Brain‘ von ‚highly skilled Migrants‘ als mobiler und mobil bleibender Speicherort des Wissens. Wissen erscheint körperlich oder auch virtuell transferierbar, nicht an die Situation und den Kontext gebunden. Deshalb analysiert der im Korpus häufig zitierte Wirtschaftswissenschaftler Jean-Baptiste Meyer die dominante Brain Gain Perspektive im Diskurs als Verschiebung hin zu einem konnektivistischen Ansatz „where social capital, including technical and institutional links, is crucial“ (Meyer 2001) — ohne dies besonders kritisch zu meinen. Der angestrebte Wissenstransfer in Richtung Herkunftsland bedarf entsprechend dieser konnektivistischen Logik nicht mehr notgedrungen der Rückkehr, wohl aber der Mobilität und (virtuellen) Aktivität der Migrant_innen. Nicht alle Arten von Wissen sind damit innerhalb des Diskurses interessant, da nicht alle transferierbar sind: Schwer manifestier- oder evozierbares tacit knowledge muss beispielsweise als ‚interkulturelles Wissen‘ oder berufliches Fachwissen sprech- und kategorisier- sowie vermittelbar gemacht werden.

Nicht alle Wissensarten werden der diskursiven Figur des Migranten/der Migrantin zudem zugeschrieben: Während manche Wissensarten, wie (beispielsweise) ‚authentische‘ Länder-, Sprach- und Kulturkenntnisse, besonders häufig als migrantisch gelten, wird das ‚Fachwissen‘ eher mit dem europäischen/westlichen Zielland assoziiert: durch Arbeit, Ausbildung oder Studium in der westlichen Hemisphäre hätten Migrant_innen Fachwissen erworben, welches nun per Internet oder (temporärem) Aufenthalt in das Herkunftsland transferierbar sei. Diese Vorstellung wird auch an dem populär gewordenen Begriff der Social und Cultural Remittances deutlich, den Thomas Faist in einer Analyse wie folgt zusammenfasst:

„Es handelt sich dabei um Ideen, Verhaltensweisen und Identitätsmuster, die von den Aufnahmekontexten in die Heimat übertragen werden und Praktiken, Werte und normative Haltungen umfassen. Häufig werden mit dem Begriff social remittances auch Konzepte wie Menschenrechte, Demokratie, Gleichheit, Freiheit oder Gewaltlosigkeit gemeint, die MigrantInnen idealerweise von den Aufnahmeländern mit in die Heimat nehmen, um sie dort zu verbreiten.“ (Faist 2008: 22, zit. n. Knerr 2008)

Damit ist der Wissenstransfer alles in allem gerichtet: interkulturell-lokales Wissen reist im Behälter ‚Migrant‘ von Süden nach Norden, Fachwissen und scheinbar universal gültiges Wissen wandert virtuell oder körperlich von Norden nach Süden. Damit kommt im aktuellen Migration&Entwicklungsdiskurs erneut eine Hierarchisierung von Wissensbeständen auf, die bereits dem Entwicklungsdiskurs und seinem Topos des Besserwissens inhärent war (vgl. ebd.).

Diese Hierarchisierungen bewirken auch, dass Migrant_innen im Diskurs eine Wissensdomäne immer wieder abgesprochen wird, und zwar das Projektmanagement- und Organisationsentwicklungswissen. Entsprechend wird paternalistisch angenommen, migrantische Organisationen bräuchten ein „Kompetenztraining und Empowerment für die Organisation als handelnde Institution“ (Weiss 2007) sowie Informationen über Förderinstrumente und Projektmanagement und zwar vermittelt von Entwicklungshilfeorganisationen, welchen hierdurch ein neuer Arbeitsbereich entsteht. So schreibt zum Beispiel die gtz7, einer der Akteure, die in Deutschland am stärksten in das Migration&Entwicklungs-Feld drängen:

„Viele Diasporagemeinschaften sind nicht vertraut mit den Prozessen des Projektmanagements, wie sie in der EZ oder auch in anderen Institutionen in Deutschland üblich sind. Darüber hinaus bedeutet das Engagement aus der Diaspora meist auch eine örtliche Distanz zu den Projektaktivitäten und bedarf einer engeren Zusammenarbeit mit Partnern, die vor Ort agieren. Damit sich die jeweiligen Stärken und Möglichkeiten der beteiligten Partner (zum Beispiel Diasporagemeinschaft in Deutschland, deren Partner und das EZ-Vorhaben vor Ort) gut ergänzen und sich die örtliche Distanz der Diasporagemeinschaft nicht zum Nachteil auswirkt, ist ein enges Monitoring der Projektaktivitäten unerlässlich. Diasporagemeinschaften und deren Partner müssen zu Beginn des Kooperationsvorhabens mit dessen formalen Anforderungen (Verwendungsnachweise, Projektberichte etc.) vertraut gemacht werden.“ (gtz 2009a: 18)

Insgesamt bedeutet dies:

„Wir führen entwicklungspolitisch aktive Migrantenorganisationen als Partner in den größeren entwicklungspolitischen Kontext ein und vermitteln zentrale Konzepte der EZ.“ (gtz 2009a: 2)

Formulierungen und Praxen wie diese bringen die ‚Diaspora‘ doppelt auf Distanz: Zum einen wird sie im Gegensatz zu EZ-Organisationen als örtlich distanziert zum Herkunftsland und zum anderen als formell/professionell weit entfernt von deutschen Standards dargestellt, was auch zeitlich begründet wird:

„Die Tatsache, dass es sich bei diesen MO oft um neu geschaffene Strukturen handelt, weist auf ein besonderes Bedürfnis bei der Organisationsentwicklung hin. Zudem müssen sich diese Vereine oft erst mit den hiesigen Anforderungen an Projektmanagement und Antragstellung vertraut machen und die Möglichkeit erhalten, geeignete Fördermöglichkeiten in Deutschland für ihre Vorhaben kennenzulernen.“ (gtz 2010a: 7)

Das Vorhandensein langjährig etablierter entwicklungspolitisch engagierter Migrantenselbstorganisationen mit hochqualifizierten Mitgliedern, wird sowohl in aktuellen Migration&Entwicklungdebatten wie auch -projekten mithilfe einer Entdeckungs- und Rückständigkeitsrhetorik verunsichtbart.

Die Wissensachse des Diskurses, die migrantisches Wissen als lokalisiert, gerichtet und defizitär konstruiert, hat eine Aktivierung jedes einzelnen Migranten und jeder einzelnen Migrantin zum Ziel: diese sollen sich auf Workshops fortbilden beziehungsweise projektisieren lassen und ihr Wissen transferieren und damit zu Manager_innen ihrer selbst und ihrer Entwicklungsaktivitäten werden.

Die Achse des Migrations- und Projektmanagements

Ein weiterer diskursiver und praxeologischer Effekt aktueller Debatten und Projekte zum Migration&Entwicklungsnexus ist — so die hier vertretene These — dass der derzeit prominente Migrationsmanagementbegriff8 in Richtung Projekt- und Selbstmanagement vorangetrieben wird. Damit rückt ‚der Migrant‘ als Unternehmer seiner selbst und ökonomischer Akteur in den Vordergrund. Die gtz fragt etwa: „Is each migrant an entrepreneur? or Should each migrant be an entrepreneur?“ (gtz 2009b: 16) und antwortet:

„Not every migrant is an entrepreneur. Some of them want to engage in social activities, while others want to be entrepreneurs. For us as development agencies, it is important to look at the two sides and to discuss the different approaches in order to provide sufficient incentives to motivate them to join us in partnership.“ (gtz 2009b: 24)

So wird zwar eine Differenzierung deutlich, aber auch, dass auch jenseits von ökonomischem Handeln unternehmerische Aktivitäten von Migrant_innen erwartet werden. Die Soziologin Elke Winter stellt diese Entrepreneuralisierung von Aktivitäten und die damit verbundene Individualisierung der Verantwortung für die Entwicklung des Herkunftslandes in ihrer Analyse der Debatten in den Kontext weltweiter staatlicher Restrukturierungen:

„While remittances may be a generous contribution to the economy in migrants’ ‚home countries’, placing the burden of ‚development‘ upon the back of individuals (who are often underpaid and disadvantaged in the respective ‚host societies‘) does not seem a fair and morally justifiable solution. The valorization of remittances, as well as the encouragement of temporary forms of labour migration to Northern countries happens at a time of the restructuring of the state and an increasing responsibilization of the individual for services that were beforehand considered collective goods (education, medical care, pension plans, etc).“ (Winter 2007: 5; Herv. d. A.)

Neben dieser Subjektivierung als Unternehmer_in und Manager_in (auch des eigenen Selbst), die an das Verantwortungsgefühl für die Herkunftsnation appelliert, entsteht im aktuellen Diskurs um Migration&Entwicklung andererseits auch eine Kollektivierung, die an der Prominenz des Diaspora-Begriffs und von Diasporaorganisationen sowie am Sprechen über Remittances — die stets als nationale Summen angegeben werden — und an der Wichtigkeit des Netzwerkens deutlich werden.9 Die Geographin Parvati Raghuram analysiert diese nicht nur diskursive Kollektivierung wie folgt:

„The migration-development nexus depends on and therefore fosters the moral sentiment that is a sense of commitment to a collective group — those who can be developed elsewhere. This sense of responsibility to a community is activated through the migrants‘ bodies. ‘The new citizen-subject is thus constituted as an assemblage of morality and economic rationality who acts in socially appropriate ways, not because of force or coercion but, because their choices align with their community interests’ (Ilcan et al., 2007: 80). For Duffield (2006) these responsibilities are played out through a range of informal networks, families and communities which are seen as the insurance mechanisms for a population that is in many ways uninsurable. The mobile governable subject of migration/development is in this reading both required to move in order to strategise their [individual] human capital but also to act morally for the collective good of a distant place/community.“ (Raghuram 2007: 16)

Folglich macht der Hype über seinen unternehmerischen wie kollektivierenden Geist Öffentliches zu Privatem, aber auch Privates (wie Rücküberweisungen) zu Öffentlichem. Das Allgemeinwohl wird zur individuellen Verantwortung.

Die Achse der Reterritorialisierung

Die dritte hier herausgearbeitete Achse fasst alle (sozial-)räumlichen Setzungen des Diskurses in fünf Punkten zusammen. Die erste dominante räumliche Zuschreibung des Diskurses lokalisiert die Herkunft entwicklungspolitisch aktiver Migrant_innen in so genannten Entwicklungsländern, vorwiegend Afrika, wie auch die Ethnologin Nadine Sieveking und die Soziologin Margit Fauser in ihrer Analyse feststellen: „Mit der ‚Entdeckung‘ von Migranten als Entwicklungsakteure richtete sich der Fokus […] zunehmend auf Migrantengruppen aus Sub-Sahara-Afrika in Europa“ (2009: 35). Zugleich wird in den untersuchten Texten häufig evoziert, entwicklungspolitisches Engagement von Migrant_innen sei gleichzusetzen mit lokaler, zivilgesellschaftlich getragener Selbsthilfe beziehungsweise mit ‚Entwicklung von unten‘ und mit der Annahme, Migrant_innen seien direkt mit der lokalen Graswurzelebene verbunden. Darüber hinaus wird auch das Interesse an Diaspora- beziehungsweise Migration&Entwicklungspolitiken vorwiegend Ländern der Peripherie zugeschrieben. Dass beispielsweise auch Deutschland eine Brain Gain Strategie verfolgt, wird damit gerne verunsichtbart.10

Zweitens ist dem Diskurs „die getrennte Betrachtung und unterschiedliche Bewertung von internen und internationalen Migrationsprozessen [zu eigen], wobei erstere überwiegend negativ, letztere tendenziell positiv für Entwicklungsdynamiken im nationalen Rahmen gesehen werden“ (ebd.: 165f.). Häufig wird Binnenmigration dabei als politisch, sozial und ökonomisch destabilisierend angesehen und ihr entwicklungspolitisches Potential unterschätzt (vgl. gtz 2010b: 69). Aber auch die gegenteilige Position, nach der interne Migration zur Entwicklung beiträgt, unterscheidet letztlich zwischen internationaler und Binnenmigration.

Drittens ziehen sich affektive und moralische Reterritorialisierungen durch den Diskurs, die im Zusammenhang mit der Management-Achse bereits angesprochen wurden. Dabei wird ‚symbolisch-moralisch‘ (vgl. Nieswand 2012: 401) eine diasporische Verantwortung für die Herkunftsnation beschworen, die den Nationalstaat erneut zentral für die Entwicklung setzt (vgl. Raghuram 2007), diesen aber diasporisch-zivilgesellschaftlich rekonfiguriert. Der Geograph Alan Gamlen schreibt in seiner Analyse:

„The common thread running through all these [diaspora] policies is the attempt by states to produce a communal mentality amongst non-residents; a sense of common belonging to the home-state (see González Gutiérrez 1999) that renders expatriates governable. The discourse of belonging to a diaspora is crucial in attempts to produce this governable mentality, or governmentality. Indeed, Francesco Ragazzi has suggested that the word diaspora itself should be considered a ‘state category’.“ (Gamlen 2006: 7)

Das heißt auch, dass im Zuge der jüngeren Debatten und Politiken eine neue Konfiguration oder Deklination von Diaspora entsteht, in welcher Diasporen nicht nur ökonomisch definiert werden, sondern auch „die neuen nationalen HeldInnen und Speerspitze nationaler Entwicklungsanstrengungen […] konstituieren, […] den Inbegriff des modernen Staatsbürgertums“ (Nieswand 2012: 110). Diasporen werden in diesem Zuge nicht nur zu gemeinnütziger, entwicklungspolitischer Arbeit im Rahmen von Migrantenorganisationen und Hometown Associations, sondern auch zu Rücküberweisungen und Investitionen in ihr Herkunftsland aufgerufen.11

Viertens dominiert die Frage nach der Richtung der Wissens- und Geldtransfers den Hype: kommen Remittances etwa wirklich den ärmsten Ländern, Regionen und Haushalten zugute oder fließen sie eher in Schwellenländer (vgl. UNDP 2009; Weltbank 2009; Sieveking/Fauser 2009)? Parvati Raghuram fasst den zeitlich-räumlichen Rahmen zusammen, der all diesen Fragen und Analysen zugrunde liegt:

„All these approaches require envisioning migrant destination countries as spaces of acquisition and countries of origin as spaces deserving redistribution, primarily of economic wealth.“ (Raghuram 2007: 11)

So geht der ehemalige Leiter des gtz-Projektes „Migration und Entwicklung“ in einem der untersuchten Texte sogar soweit zu schreiben:

„Nicht das Herkunftsland, sondern erst das Aufnahmeland hat die Fähigkeiten der Immigranten entwickelt bzw. in Wert gesetzt.“ (gtz 2007: 3)

Eine solche — zugegebenermaßen selbst für die aktuelle Debatte extreme Zuspitzung — macht Brain Drain-Prozesse und Investitionen der Herkunftsländer in die (Aus-)Bildung ihrer Bevölkerung unsichtbar. Damit wird deutlich, wie stark die Perspektive des Brain Gain und des aktuellen Hypes um Migration&Entwicklung koloniale und orientalistische Perspektiven vom Wissens- und Entwicklungsvorsprung des Westens reproduzieren.

Eng verbunden mit der Frage nach der Richtung der Wissens- und Geldströme ist die im Diskurs immer wieder aufgeworfene Frage, die bereits bezüglich des Projektmanagements auftauchte, ob die Handlungsrationalitäten und Prioritäten von Migrant_innen mit jenen der westlichen Entwicklungszusammenarbeit oder mit ‚lokalen‘ und damit ‚partikularen‘ Interessen in ihrem Herkunftsland übereinstimmten (vgl. Gerharz 2009: 46). So schreiben Tatjana Baraulina und Kevin Borchers in ihrer Erkundung der „Bedingungen und Formen des entwicklungspolitischen Engagements von Diaspora“:

„Insgesamt beobachtet man, dass MigrantInnengemeinden in ihrem sozialen Engagement oft partikulare Interessen verfolgen und in der Ausrichtung der Projekte ihre Ethnien oder Glaubensgemeinschaften bevorzugen. Dies könnte tendenziell zur Entstehung neuer sozialer Konfliktlagen führen.“ (Baraulina/Borchers 2008: 10)

Diese Gleichsetzung von Migrant_innen mit Ethnizität, Nepotismus und Partikularismus, welche auch mit ihren Herkunftsländern assoziiert werden, kommentieren Mercer, Evans und Page wie folgt: „Though diasporas are geographically located in the West […] they are not seen to be western enough to be development agents“ (Mercer/Page/Evans 2008: 53). Mit diesem Vorwurf der nicht-westlichen, unprofessionellen Handlungsrationalitäten geht eine Vernebelung der gleichzeitig von Migrant_innen erwarteten kostenlosen Freiwilligenarbeit einher, die Lucia Muriel hinterfragt:

„Fakt ist, dass in allen solidarischen Projekten in Heimatorten [sic!] auf freiwillige Arbeit zurückgegriffen wird, also auf Personalkosten für lokales Personal verzichtet wird. Genau das wird oft für selbstverständlich gehalten! Warum eigentlich?“ (Muriel 2010: 6)

Weiter betont sie, wie sehr die (Aus)nutzung migrantischer Freiwilligenarbeit im Zuge der aktuellen Projekte und Debatten zugenommen habe:

„Gerade greifen viele deutsche EW [Eine Welt]-Akteure und andere NRO [Nichtregierungsorganisationen] selbstverständlich in unzähligen Aktionen auf die freiwilligen Einsätze und auf die Bereitschaft vieler MigrantInnen, sich auch ohne Bezahlung einzubringen, zurück.“ (ebd.: 6)

Auch wenn die Frage nach den Handlungsrationalitäten und Prioritäten von Migrant_innen natürlich nicht immer mit dem Vorwurf von Partikularität, Unprofessionalität oder gar des Nepotismus beantwortet wird, so legt allein diese Loyalitätsfrage eine Infragestellung ihrer Position nahe. Migrant_innen müssen sich demnach den Handlungsrationalitäten der Entwicklungszusammenarbeit unterordnen, so analysiert erneut Parvati Rhaghuram:

„Migrants are invited to participate in development when they can affirm the legitimacy of the discourse of development — both the nature of its problem identification and its search for corresponding solutions. Migrants must reinforce the normative assumptions about the teleology of development if they are to be folded into hegemonic discourses of migration-development. They thus become both the subjects of migration and subject to migration-development policies. And those who do not subscribe to it are invisibilised in the official discourses of migration-development.“ (Rhaguram 2007: 20)

Machen sie sich zu Subjekten der Migration und von Migration&Entwicklung und folgen der developmentalen Logik, so erhalten sie Förderungen, Respekt und zum Teil seitens des Herkunftslandes mehr Rechte. Tun sie dies nicht, sind Vorwürfe wie die angeführten nicht weit. Der Vorwurf, Migrant_innen engagierten sich aufgrund emotionaler Bindungen oder Verantwortungen nur zum Wohle ihrer Familie oder ihres Dorfes ermöglicht also eine Situation, in welcher zwar ihre Vernetzung mit der offiziellen Entwicklungszusammenarbeit möglich ist, in der ein interkulturelles Mainstreaming der EZ-Institutionen aber undenkbar scheint.

Wendet man den Blick nun spezifisch den Diskussionen in Deutschland zu, so zeichnet sich über die vorangegangenen Punkte hinaus — wie Tatjana Baraulina und Kevin Borchers festgestellt haben (2008) — eine Thematisierung des Zusammenhangs von Integration&Entwicklung ab, die in den Dokumenten der internationalen Organisationen nicht zu finden ist und die den fünften Punkt der Reterritorialisierungs-Achse bildet. Dabei geht es zum Beispiel um die Schnittmenge ‚Migrantenselbstorganisationen‘ und darum, welche Stellen für ihre Förderung zuständig sind, Integrationsstellen oder entwicklungspolitische Agenturen. Denn so die Aussage in einem Diskursfragment:

„Auffallend viele MDO [Migrant_innen- und Diasporaorganisationen] lassen sich hinsichtlich ihres Tätigkeitsprofils nicht eindeutig einem Bereich zuordnen. Die meisten sind sowohl im Bereich Integrationsarbeit als auch in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Das eigene in den Vereinssatzungen festgeschriebene Rollenverständnis identifiziert viele MDO als in beiden Bereichen aktiv. Viele Akteure sehen sich als ‚lebendige Schnittstelle zwischen Integration und Entwicklungszusammenarbeit‘.“ (agl 2011)

Neben diesem doppelten Tätigkeitsprofil der Organisationen ist in Deutschland auf institutioneller Seite mittlerweile eine doppelte Förderpolitik entstanden, in der

„Migrantenorganisationen zunehmend Zielgruppe einer partizipationsfördernden Integrationspolitik geworden [sind] und […] auch im entwicklungspolitischen Bereich […] eine Rollenzuschreibung erfahren [haben]. Das heißt, dass dabei zwei Entwicklungen parallel zueinander laufen und über eine bedeutsame gemeinsame Schnittmenge verfügen, die beide auf die Partizipation und das zivilgesellschaftliche (bürgerschaftliche) Engagement von Migrantenorganisationen abzielen.“ (BAMF 2012: 144)

Diese Doppelung der Förderung und der Tätigkeiten von Migrantenselbstorganisationen spiegeln wider, dass zum Integrationsparadigma in Deutschland in den letzten Jahren das Migration&Entwicklungsparadigma zwar hinzugetreten ist, das Verhältnis der beiden zueinander aber ungeklärt bleibt. Hinzu kommen Einschätzungen wie die von Inwent, die feststellen,

„welchen Erfahrungsvorsprung und welche Netzwerkdichte sich Migrantenorganisationen in den vergangenen 20 Jahren in der Integrationspolitik erarbeitet haben, die sie sich für entwicklungspolitische Aktivitäten erst noch erschließen müssen.“ (Inwent 2011: 45)

Oder andersherum gewendet: mehr und mehr wird im Spiegel der jüngeren Migration&Entwicklungs-Politiken, Diskurs und Projekte deutlich, wie stark die deutsche Migrationspolitik und damit auch migrantische Organisationen durch das Integrationsparadigma geprägt werden und wie wenig durchsetzungsfähig dabei andere Argumentationen sind.

Deshalb geht es innerhalb der Thematisierungen von Migration&Entwicklung in Deutschland auch immer wieder darum, ob entwicklungspolitisches Engagement zur ‚Integration‘ von Migrant_innen in Deutschland beiträgt oder ihr zuwider läuft. Unter dem Titel „Zusammenhänge von Herkunftslandengagement und Integration“ fasst das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den Stand der Debatte zu dieser Frage zusammen und zählt auf:

  1. „Herkunftslandengagement von Migranten spiegelt hybride Identitäten und multiple Identifikationen von Migranten wider, die in keinem grundsätzlichen Widerspruch zu Integration stehen.“
  2. „Herkunftslandengagement setzt ein gewisses Maß an Integration voraus.“
  3. „Mithilfe von Herkunftslandengagement können interethnische Kooperationen und Interaktionen entstehen, die Chancen für integrative (Lern-)Prozesse sowohl für migrantische als auch für deutsche Akteure bieten und zur Annäherung von Aufnahmegesellschaft und Migranten beitragen können.“
  4. „Die integrationspolitische Förderung von Migrantenorganisationen etwa durch Kommunen kommt auch indirekt ihrem Herkunftslandengagement zugute.“ (BAMF 2012: 5f.)

Die Debatte um Integration&Entwicklung ist wie jene über die Handlungsrationalitäten von Migrant_innen und alle anderen in diesem Abschnitt nachgezeichneten Evokationen eine Frage der Lokalisierung. Mercer, Evans und Page verweisen darauf, dass diese (Re)Territorialisierungs-Fragen dadurch ausgelöst würden, dass mit der Gruppe der Migrant_innen eine Akteursgruppe, welche wie gezeigt dem globalen Süden zugeschlagen wird, nun aus dem globalen Norden heraus und zudem entwicklungspolitisch als Entwickelnde und Entwickelte und nicht zu Entwickelnde agieren und damit die Lokalisierung der Entwicklungszusammenarbeit in Frage gestellt werde:

„The welfare, support and development activities of diasporas in the Global North challenge the standard spatialization of development as a process located in the ‚Developing World‘ […]. since the success of diaspora engagements with home depends partly on the economic well-being of those in the diaspora, an effective diaspora development policy involves investing in the diaspora outside the ‚Developing World‘. The Spanish government is among those proposing to fund the activities of diaspora groups within Spain from its overseas aid budget […] whether this is normatively justifiable is of less interest here than the challenge it poses to the way the spaces of development are imagined.“ (Mercer/Page/Evans 2008: 53)

Der aktuelle Diskurs um Migration&Entwicklung als Perspektivenwechsel?

Der aktuelle Migration&Entwicklungsdiskurs ist, wie ausgeführt, durch drei Achsen charakterisiert: Die Achse des (Un)Wissens, die Achse des (Projekt-)Managements und die Achse der Reterritorialisierung. Während die Achse des (Un)Wissens den quantifizierenden, technizistischen und biopolitischen Zugang, der dem Entwicklungs- und Migrationsregime gleichermaßen zu eigen ist, aufgreift und die Wissensproduktion über Migration als Sine-Qua-Non ihrer Produktivmachung ansieht, zielt der Management-Duktus auf die (neoliberale) Aktivierung von Migrant_innen (durch Fortbildungen und die Vermittlung unternehmerischen Denkens) ab. Die Reterritorialisierungsachse verortet diese Produktivität in den Herkunftsländern der Migration, welche nur als Entwicklungsländer und souveräne Staaten, die Migrations- und Diasporapolitiken umsetzen, von Interesse für Entwicklungs- und Migrationsorganisationen sind. Alles in allem stehen damit vor allem Migrant_innen bzw. Diasporen im Fokus der Entdeckung des Nexus, weshalb Rachel Kunz einen Migrant Bias diagnostiziert (vgl. 2011). Andere Subjektpositionen, wie jene als Kontrolleur_in oder Administrator_in von Migration, als Migrationsmanager_in, als entwicklungspolitischer ‚Besserwisser_in‘ oder als Nicht-Migrant_in, werden kaum programmatisch angerufen, und bleiben damit merkwürdig unsichtbar.

Einerseits werden Migrant_innen also als Unternehmer_innen (ihrer selbst), Investor_innen und Zuständige beziehungsweise Verantwortliche für die Entwicklung ihres Herkunftslandes angerufen und sollen damit einer entwicklungspolitischen, migrationspolitischen, ökonomistisch-neoliberalen Logik unterworfen oder eingegliedert werden. Andererseits bewirkt dies aber auch, dass Migrant_innen neue Sprechrechte und Förderungen erhalten und die Interessen des Südens Ernst genommen werden. Bedeutet „das Entdecken des Potentials der MigrantInnen [dann] eine Instrumentalisierung [und] Zuschreibung von Verantwortung […] oder tatsächlich eine Perspektivenumkehr“ (Lachenmann 2008: 5)? Stellt der Hype einen „call for a broadening of the migration management agenda by including questions of labour migration, integration, […] diasporas and development“ (Hess 2008: 1f.) dar? Rückt mit ‚Entwicklung‘ auch wieder der Mensch in den Vordergrund? Und werden durch den Hype die Interessen des Entwicklungsregimes und des Migrationsmanagements dezentriert und verändert?

Die Kulturanthropologin Sabine Hess bezeichnet

„the invention of the ‘Migration&Development policy field’ as a highly ambivalent, double edged one. On the one hand it seems to be one of the latest really effective tools to externalize the […] migration management policy while on the other hand it can be read as a partial victory of the countries of the global South inscribing some of their own interests in the […] migration management agenda.“ (ebd.: 5)

Das Politikfeld adaptiere damit eine Methode, die als gouvernemental bezeichnet werden könne:

„Prioritising cooperation and dialog between all three parties involved, stressing self-regulating, self-governing capacities of the individuals and the countries to apply an economical rationality in regard of the migration project, the economical usage of the diasporas, remittances, knowledges and in general human resources. All these meant as a substitute for decreasing international development programs.” (ebd.: 5)

Die neuen Politiken, Programme, Projekte und Diskurse versuchen damit gouvernemental eine breitere Zustimmung zum Migrationsmanagement, das heißt zu Migrationspolitiken, Grenzkontrollen, Rückführungsabkommen, der Befristung von Visen und zu zirkulärer Migration, sowie dazu, Migrant_innen als Bürger_innen ihrer Herkunftsländer und nicht Aufenthaltsländer zu subjektivieren, zu erzeugen:

„[it] broadens the field of actors acting in line with migration management so that the German development organisation GTZ suddenly gets active in border management issues and on the other hand the IOM suddenly behaves like a development aid organization. The twist also broadens the field of consent to the migration management rationality as the anti-trafficking-discourse already did in respect of feminist groups.“ (ebd.: 8)

Insofern kann weder von einer Instrumentalisierung noch von einer Perspektivenumkehr die Rede sein, sondern von der Durchsetzung einer ökonomischen Lesart von Migration:

„There is thus a dual nature […] typical of advanced liberal government: [it] at the same time enables and opens up new possibilities for its subjects, and restrains these subjects as they are made subjects of a certain calculative and disciplinary regime […]. Hence, through their involvement in governing, civil society actors are both disciplined, but can also become empowered and conquer new spaces for action.“ (Kunz 2011: 32)

Auf der Subjektebene ergeben sich programmatisch also neue Positionen und Sichtbarkeiten, die eingenommen, gekontert und genutzt werden können, denen entgangen wird und die verschoben werden können. Die Brüchigkeit aber auch der Dreh des Diskurses gegenüber den älteren Verhandlungen von Migrationsmanagement entsteht dabei durch seine Verbindung von neoliberalen, ökonomistischen und reterritorialisierenden, mit emotionalen und kognitiv-rationalen sowie affirmativen und auf systemischem Rassismus gründenden Subjektivierungen.

Eine allein neoliberale Deutung des Diskurses würde vor allem die beiden Achsen (Un)Wissen und Management aufgreifen. Der Spezifik des Diskurses, welcher eben nicht nur zu Wissensproduktion oder Projekt- und Selbstmanagement anregen will, sondern diese Anrufungen mit Lokalisierungen, De- und Reterritorialisierungen oder ‚spatializations‘ (vgl. Ferguson/Gupta 2005) verbindet, wird sie deshalb nicht gerecht. Der Diskurs zielt eben nicht nur auf die Aktivierung irgendeiner neuen Gruppe für die Entwicklungszusammenarbeit ab. Es hat eine besondere Relevanz, dass er Migrant_innen zu aktivieren und projektisieren versucht. Und diese liegt in der Reterritorialisierung begründet, die durch ihn produziert wird. Indem sich Entwicklungsdiskurs und Migrationsmanagement verknüpfen, werden zwei Kategorien im beschriebenen Migration&Entwicklungsdiskurs ‚diasporisch‘ rejustiert: die Kategorie ‚Migrant‘ und die Kategorie ‚Herkunftsland‘. Die ‚Nation‘, die lange Zeit Zielobjekt des Entwicklungsregimes war, dann aber ins Hintertreffen gegenüber Zivilgesellschaft, Lokalität und lokalen Gruppen geriet, kehrt als developmentales Interessensobjekt zurück und verstärkt dabei die national-deterritorialisierenden Tendenzen des Migrationsmanagements, die sich spezifisch im Sprechen von einer nationalen Bevölkerung im transnationalen Raum oder von Diasporen ausdrücken.

Migrant_innen als Manager_innen von Projekten und ihres Selbst haben damit auch ‚Bürger_innen‘ zu sein und dies nicht so sehr im Sinne des ‚citizenship‘ als politische Subjekte mit Rechten, sondern im Sinne einer sozialen und kulturellen ‚Bürgerlichkeit‘, in der es darum geht, aus einer aufgeklärten Position heraus (denn entwickeln kann nur, wer es besser weiß) moralische Verantwortung für das Herkunftsland und die Mitbürger_innen ‚dort‘ zu übernehmen. Eine so gelagerte Konstruktion von Bürgerschaft entspricht auch dem Phänomen, dass sowohl ‚Industrie-' wie ‚Entwicklungsländer‘ zwar mehr Verantwortungsübernahme seitens der Diasporen einfordern, aber nicht bereit sind, ihnen mehr Rechte einzuräumen. Herkunftsländer versuchen, ‚ihre Diasporen‘ in ein „web of rights and obligations” einzubinden, „conferring thin membership in order to establish what might be called thin sovereignty“ (Gamlen 2006: 22).

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  1. Aufgrund der Prämisse, dass die aktuelle Verhandlung des Migration&Entwicklung-Nexus das Ineinandergreifen von Migrations- und Entwicklungsregimen bedeutet, wird im Folgenden auch stets die Schreibweise ‚Migration&Entwicklung‘ verwendet, die die neue Durchlässigkeit zwischen den beiden Feldern verdeutlichen soll.

  2. Dieser Korpus umfasst dabei nicht nur diskursive Elemente, sondern auch Subjektivierungen und (Selbstformungs)Technologien wie Projekte oder Fortbildungen, was die Bezeichnung des Phänomens als ‚Diskurs‘ unmöglich macht. Ebenso wenig bietet sich der von Foucault zur Bezeichnung von „Infrastrukturen der Problembearbeitung“ und heterogenen Ensembles aus Diskursen, Institutionen, Architektur und Gesetzen verwendete Begriff des ‚Dispositifs‘ an, um meinen Untersuchungsgegenstand zu benennen, da Foucault ihn meiner Lesart nach vor allem für institutionalisierte Zusammenhänge verwendet hat. Kennzeichen des Hypes um Migration&Entwicklung ist aber gerade, dass er sich (noch) nicht institutionalisiert hat, sondern vielmehr quasi-parasitär als Gast bei vielen Wirten haust, das heißt sich durch verschiedene Dispositive hindurch zieht und diese miteinander verwindet: einerseits stellt er einen neuen Rahmen für migrationspolitische Belange dar, andererseits rahmt er aber auch mehr und mehr entwicklungspolitische Programme. Ministerien, internationale Organisationen oder andere Institutionen, die sich nur des Nexus annehmen, konnten sich bis dato allerdings nur wenig verfestigen. Im Folgenden sollen jedoch nicht diese (kurzfristigen oder befristeten) Institutionalisierungen, sondern nur die aktuellen Diskurse um Migration&Entwicklung beleuchtet werden.

  3. Die Diskursanalyse entstand im Rahmen eines Promotionsprojektes, dessen Hauptteil die Begleitung von lokalen Migration&Entwicklungsprojekten in München (Deutschland), Yaoundé (Kamerun) und Kumasi (Ghana) ausmachte. Ein besonderer Fokus lag dabei auf den Veränderungen, die der Hype in lokalen und transnationalen entwicklungspolitischen Netzwerken und Organisationen, auslöste, die nun in den Radar von Entwicklungsagenturen und internationalen Organisationen geraten waren.

  4. Nicht nur Arturo Escobar bemerkte 1995 in seinem Buch „Encountering Development“, einem Klassiker der Entwicklungsdiskursanalyse, den „technocratic approach, which treated people and cultures as abstract concepts, statistical figures to be moved up and down in the carts of ‚progress‘“ (44). Der Kulturanthropologe James Ferguson bezeichnete die institutionalisierte Entwicklungszusammenarbeit 1990 sogar als „Anti-Politics-Machine“, welche Armut entpolitisiere und nur technische Ursachen für Rückständigkeit berücksichtige, da diese durch ihre Institutionen ‚behebbar‘ seien: „Their [the agencies’] problem is to find the right kind of problem; the kind of ‚problem‘ that requires the ‚solution‘ they are there to provide. This is the institutional context within which ‚development‘ discourse is located“ (Ferguson 1990: 70). Entwicklung sei demnach dann auch „das, was die Experten als solche bezeichnen“ (Ziai 2006: 45).

  5. Die erste Manifestation des Entwicklungsparadigmas, der 1929 erlassene British Colonial Development Act, reagierte auf Herausforderungen der kolonialen Macht und versuchte laut Arturo Escobar, die Verhältnisse des Empires durch den Entwicklungsgedanken zu stabilisieren. Dabei ging es vor allem um die erneute Klarstellung dessen, was als Peripherie und was als Zentrum anzusehen sei (vgl. Escobar 1995: 26). Escobar legt dar, wie es durch die Globalisierung des Konzepts ‚Armut‘, welches mit dem ‚Pauperismus‘ während der Industrialisierung entstanden war, nach dem Zweiten Weltkrieg zur Entstehung der drei Welten kam: 1948 bezeichnete eine Statistik der Weltbank alle Länder als arm, welche unter 100 Dollar pro Kopf im Jahr erwirtschafteten. Somit wurden auf einen Schlag zwei Drittel der Welt als ‚arm‘ definiert. Eine Unterteilung der Welt in ‚arm‘ und ‚reich‘, in ‚entwickelt‘ und ‚unterentwickelt‘ war geschaffen. ‚Armut‘ wurde zum Wirklichkeit organisierenden Prinzip, wurde selbst-evident und: sie wurde ganzen Staaten angeheftet. Auf dieser Kategorisierung der Welt in ‚arm‘ und ‚reich‘ baute auch die Truman Doktrin auf, die 1949 dafür plädierte, das westliche Lebensmodell durch den Transfer von Geld, Wissenschaft und Technik allen zu ermöglichen. Sie gilt als einer der Gründungsmomente der Entwicklungshilfe.

  6. Solche Aussagen wirken zynisch angesichts eines oft analog hierzu vertretenen Migrationsmanagements, dessen Ziel es ist, die Wahlmöglichkeit ‚Mobilität‘ zu kanalisieren, zu begrenzen oder produktiv zu machen. Wahlmöglichkeit wird in diesem Sinne entsprechend auch häufig als Möglichkeit zu bleiben, welche durch Entwicklung erhöht werde, gedeutet.

  7. Die gtz ist seit 2011 in der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (giz) aufgegangen. Da diese Studie aber vorwiegend die Zeit vor 2011 behandelt, ist im Folgenden stets von der gtz (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) und nicht von der giz die Rede.

  8. Das Konzept des Migrationsmanagements existiert bereits seit den 1990ern und wird häufig als Turn in der Migrationspolitik wahrgenommen, der suggeriert, wenn Migration nur gemanagt würde, würden alle Seiten davon profitieren. Trotz seiner Betonung der Notwendigkeit von Governance wird in ihm aber weder der Nationalstaat als letzte Instanz noch die Utopie der Kontrolle von Migration aufgegeben (vgl. Cyrus 2011), weswegen das Konzept auf den folgenden Satz zusammengefasst werden kann: „migration can no longer be prevented but it can still come under the effective authority (of states)“ (Leptien 2010: 12).

  9. Und die sich biopolitisch gesehen keineswegs mit der an anderer Stelle in diesem Text diagnostizierten Individualisierung widerspricht.

  10. Der DAAD (Deutsche Akademische Austauschdienst) arbeitet seit 2005 sowohl an einer Datenbank über Deutsche (Wissenschaftler_innen) in den USA als auch daran, diese und auch andere deutsche Wissenschaftler_innen im Ausland mithilfe von Rückkehrstipendien und Informationen über die deutsche Wissenschaftslandschaft zur Rückkehr zu bewegen (vgl. Böhnel 2005; Gain Network 2014).

  11. Erwähnt sei noch, dass im Diskurs des Hypes kaum zwischen den Begriffen ‚Migrant_in‘ und ‚Diaspora‘ unterschieden wird. Dieses Verschmelzen der beiden Begrifflichkeiten signalisiert ebenso wie die anderen Diskursrefrains die Reterritorialisierung und Rückbindung von Migrant_innen an das Herkunftsland.

  • Jahrgang: 1
  • Ausgabe: 1
  • Jahr: 2015


Maria Schwertl is an anthropologist who has worked and studied at the University of Munich and the University of Göttingen. She is interested in subjectivities, assemblages, actor-networks and other complex processes. She has done research on migration&development, material transnationalism and NGOs and has just started a new project on Eurosur’s science and technology.